Rede Dr. Clara Wilpert

 

Foto: Marion Vogel

Guten Abend, Frau Bürgermeisterin, Frau Kivran, guten Abend, liebe Preisträgerinnen und Preisträger, meine Damen und Herren,

das Jahr 2012 ist für uns vom Verein der Lichterkette aus zwei Gründen ein Jahr der Freude. Zum einen dürfen wir Sie, liebe Preisträgerinnen und Preisträger, mit diesen „Münchner Lichtblicken“ in besonderer Weise ehren, Ihnen danken  und mit Ihnen feiern. Der Preis soll Ihnen Anerkennung und Ermutigung sein auf Ihrem oft so beschwerlichen Weg, den Sie zumeist ehrenamtlich und eigenverantwortlich eingeschlagen haben zur Förderung von mehr Toleranz, Zivilcourage  und für ein friedliches Zusammenleben von Menschen unterschiedlichster Kulturen.

Diese „Lichtblicke“ genannte Auszeichnung entstand auf Initiative des Ausländerbeirats, der einen eigenständigen Preis gegen Diskriminierung und für Integration ausschreiben wollte. Zusammen mit der Landeshauptstadt München und in Partnerschaft mit dem gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus aktiven Verein Lichterkette werden die „Lichtblicke“ nun zum 11. Mal verliehen. Mit dem Preis werden Initiativen, Projekte und Einzelpersonen ausgezeichnet. Förderkriterien sind Nachhaltigkeit der Arbeit, kreative Ideen, Menschlichkeit, Klima für Solidarität und vorbildhaft mutiges Eintreten gegen ethnische Diskriminierungen.

2008  kam der Schulsonderpreis  hinzu. Damit werden Schulen  bedacht, die sich in vorbildlicher Weise für die Integration und die Chancengleichheit von Migrantenkindern einsetzen.  

Seit dem Jahr 2000 haben über 40 Münchner Vereine, Einrichtungen, Projekte, Einzelpersonen und Schulen den begehrten Preis erhalten.

Das Jahr 2012 ist – wie gesagt – auch noch aus einem anderen Grund ein Jahr der Freude für uns, denn die Lichterkette feiert in diesem Jahr einen runden Geburtstag.

Der Verein wurde unter dem Motto „München – eine Stadt sagt Nein“ 1992 gegründet – aus traurigem Anlass. Eine Reihe von Brandanschlägen auf  Wohnheime von Asylbewerbern und Ausschreitungen gegen Menschen fremder Herkunft erschütterten und beschämten viele von uns. Doch vier Münchner Bürger schritten zur Tat. Sie mobilisierten Hunderte von Helfern und organisierten am 6. Dezember 1992 die erste Lichterkette Deutschlands. Mehr als 400 000 Menschen setzten mit Kerzen in der Hand ein weithin beachtetes Signal gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsradikalismus. Es war die größte Demonstration der Nachkriegszeit in München, der andere in vielen Städten Deutschlands folgten und bis heute folgen.

Eine kleine Gruppe ehrenamtlicher Mitglieder dieses  Vereins  „Lichterkette e.V.“, wie er inzwischen heißt,  bemüht sich nach diesem spektakulären Anfang bis heute überparteilich und im Hintergrund um ein friedliches Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft in unserer Heimatstadt.

Da startete mit Hilfe der Lichterkette das „Vorbilderprojekt“ einer Hauptschule, in  dem Vorbilder mit Migrationshintergrund eingeladen werden, die selbst einmal eine Hauptschule besuchten und die es zu einem gesellschaftlich anerkannten Status gebracht haben. Mit der so genannten Deutschstunde, einer Benefizveranstaltung zusammen mit der Stiftung Literaturhaus oder dem Volunteering Projekt im Austausch zwischen Wirtschaft und sozialen Institutionen, mit Ausstellungen und Plakataktionen mischt sich der Verein Lichterkette ein in die Mitverantwortung unserer Gesellschaft für mehr Chancengleichheit, Fairness, Toleranz, Zivilcourage und Anerkennung von Mitbürgern aus anderen Kulturen.

Dazu hat der Verein Lichterkette in München ein umfangreiches Netzwerk aufgebaut und arbeitet eng mit Partnern aus anderen Initiativen, Vereinen, sozialen Organisationen, Wohlfahrtsverbänden und der Wirtschaft  zusammen.

Und mit städtischen Behörden.

Sichtbares Zeichen für dieses Zusammenwirken ist nun der heute zu feiernde Preis „Münchner Lichtblicke“.  In  der Kategorie „Projekte“ nimmt Frau Carola Bamberg vom Amt für Wohnen und Migration den Preis stellvertretend für all die ehrenamtlichen Paten des Projekts „Aktiv gegen Wohnungslosigkeit“ entgegen, die mit beeindruckendem Einsatz Familien und Einzelpersonen in schwierigen sozialen Situationen zur Seite stehen.

Frau Bamberg zu treffen ist ein Erlebnis. Überzeugt und temperamentvoll trägt sie die Verantwortung für das  Patenprojekt, das sie engagiert und ideenreich mit Leben füllt. Nach eigenem Bekunden – wie auch dem von Paten – will sie das Glück weitergeben, das ihr selbst widerfahren ist. Gemeint ist damit auch, die privilegierte Situation, in der die meisten von uns hier in unserem Land leben dürfen.  In ihrem Projekt betreut Frau Bamberg über 100  Paten, die zu 75% voll berufstätig sind. Diese Paten wiederum kümmern sich um ihre Schützlinge aus 22 Nationen. So führen sie diese durch die deutsche Bürokratie, finden Möglichkeiten der Finanzierung für Deutschkurse, für einen Schulabschluss, für eine Berufsausbildung, für die Mitgliedschaft in einem Sportverein und nicht zuletzt für bezahlbaren Wohnraum. Dies alles natürlich kompetent begleitet von Carola Bamberg.

Einen dieser Schützlinge, Herrn Nadim Ilias Kheder, werden Sie, meine Damen und Herren, zusammen mit seinem Paten, Franz Gleißner, gleich kennen lernen. Es ist eine kleine Erfolgsgeschichte, die beide miteinander verbindet. Nadim – mit 17 nach Deutschland gekommen –  hat mit Unterstützung seines ursprünglich für seinen Bruder zuständigen Paten, Herrn Gleißner, nicht nur Deutschkurse besucht und die Hauptschule mit guten Noten geschafft, sondern inzwischen auch einen Ausbildungsplatz in seinem Traumberuf gefunden. Selbst das Aufstehen zu nachtschlafener Zeit – nämlich um 2 Uhr früh –  hat seine Freude am Bäckerhandwerk nicht gemindert. 

Beeindruckt von so viel Mitmenschlichkeit begründet die Jury ihre Preisvergabe wie folgt:

Es ist nicht leicht, in München eine bezahlbare Wohnung zu finden. Derzeit gibt es ca. 2.000 wohnungslose Bürgerinnen und Bürger, die vom Amt für Wohnen und Migration in Notquartieren, Pensionen und Clearinghäusern vorübergehend untergebracht sind; viele von ihnen sind Migrantinnen und Migranten.

Die Patinnen und Paten des Projektes „Aktiv gegen Wohnungslosigkeit“ haben sich dafür entschieden, wohnungslose Menschen freiwillig und unentgeltlich zu unterstützen, ihnen Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken. Dabei geht es neben der Wohnungssuche vorwiegend darum, sich bei regelmäßigen Besuchen kennen zu lernen und voneinander zu erfahren. Für die Schützlinge – die so genannten Patenschaften – stellt dieser Kontakt in der Regel den ersten persönlichen Zugang zur Mehrheitsgesellschaft dar.

Das Patenprojekt wurde 1993 ins Leben gerufen. Seitdem wurden über 500 Patenschaften vermittelt. Momentan sind 104 ehrenamtliche Pat/innen zwischen 24 und 70 Jahren aktiv, 15 % davon haben einen Migrationshintergrund.

Zusammengebracht und betreut werden die Patinnen und Paten und ihre Schützlinge von der Leiterin des Patenprojekts, Carola Bamberg, einer Mitarbeiterin des Amts für Wohnen und Migration. Sie leistet Unterstützung in Form von Beratungs- und Fortbildungsangeboten, Begleitung von Patentreffen und Organisation von Patenausflügen.

Und schließlich noch ein Zitat:

„In der direkten Unterstützung wird Integration gelebt und sowohl die Patinnen und Paten als auch die Patenschaften profitieren von den Kontakten“, so Carola Bamberg, „oft entstehen aus diesen Patenschaften Freundschaften.“

So weit der Text der Jury.

Lassen Sie mich, meine Damen und Herren, zum Schluss noch auf einen Satz aus dem  Gründungspapier für die Preisvergabe eingehen, nach dem der Preis an noch wenig bekannte Personen verliehen werden soll, deren Arbeit und Einsatz öffentliche Beachtung und Unterstützung verdienen.

Exakt dies ist die Hoffnung von Carola Bamberg für ihr Patenprojekt. Denn ein breiterer Bekanntheitsgrad wird ihrer Meinung nach dazu führen, mehr Menschen über diese Möglichkeit des ehrenamtlichen Engagements zu informieren. Die „Münchner Lichtblicke“ und das mit ihnen verbundene Medieninteresse, liebe Frau Bamberg, werden sicherlich dabei helfen.

Mit meinem Dank fürs Zuhören an Sie alle möchte ich nun Frau Bamberg, den Paten, Herrn Gleißner und seinen Schützling, Herrn  Nadim Ilias vom Projekt „Aktiv gegen Wohnungslosigkeit“ auf die Bühne bitten