Rede Dr. Clara Wilpert

Guten Abend, Herr Oberbürgermeister, Herr Bürgermeister Monatzeder, Frau Kivran, guten Abend, liebe Preisträgerinnen und Preisträger, meine Damen und Herren,

seit dem Jahr 2000 gibt es einen Förderpreis mit dem tröstlichen Namen „Lichtblicke“, den die Ausländerbehörde und die Stadt München initiierten – einen Preis für einen engagierten Einsatz gegen Fremdenfeindlichkeit und Gewalt und für das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlichster Kulturen in München. Sie fanden hierzu den passenden Partner in Gestalt des Vereins „Lichterkette“, der sich seit 1992 gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus einsetzt. 

Seit dieser Zeit bemüht sich eine kleine Gruppe Freiwilliger überparteilich und im Hintergrund um Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die als Zuwanderer oder Flüchtlinge in München leben und Ausgrenzung, Benachteiligung und offene Feindseligkeit erfahren. Die „Lichterkette“ fördert Initiativen, soziale Einrichtungen und Projekte mit finanziellen Mitteln, aber auch mit Know-how, Zeitspenden und Kontakten. Außerdem entwickelt und initiiert der Verein eigene Projekte und Aktionen und bemüht sich um eine Vernetzung zwischen Wirtschaft und sozialen Einrichtungen. 

 Eines dieser Aktionsfelder beispielsweise ist die „Deutschstunde“, eine Benefizveranstaltung zusammen mit der Stiftung Literaturhaus, mit deren Erlös die „Lichterkette“  Deutschkenntnisse von Benachteiligten fördert. Andere Aktionen sind das Volunteering Projekt im Austausch zwischen Wirtschaft und sozialen Institutionen, das „Vorbilderprojekt“ einer Mittelschule, in dem Vorbilder mit Migrationshintergrund den Schülern Mut machen mit der Schilderung ihres eigenen Werdegangs oder die Finanzierung einer Stelle in der zu traurigem Ruhm gelangten Bayernkaserne, die Freizeit- und Sportprojekte, Nachhilfe und ehrenamtliches Engagement für wenigstens einen Teil der elternlosen jungen Menschen organisiert.

 Diese und alle weiteren Aktivitäten der „Lichterkette“ funktionieren nur dank eines umfangreichen Netzwerkes, das im Lauf der Jahre in der  Zusammenarbeit mit Partnern aus anderen Initiativen, Vereinen, sozialen Wohlfahrtsverbänden und der Wirtschaft aufgebaut werden konnte.

 Im neuesten Projekt in dieser Richtung „Pro Ausbildung – Coaching für junge Flüchtlinge“ versucht die „Lichterkette“ gerade, möglichst viele derjenigen Vereine, Institutionen oder Initiativen miteinander zu vernetzen, die sich um unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in unserer Stadt kümmern. Wir versprechen uns dadurch eine höhere Effizienz in dem Bemühen, diesen jungen Menschen zu helfen, die vor Krieg, Terror, Hunger und Armut in das vergleichsweise sichere Deutschland geflohen sind. In gemeinsam erarbeiteten Lösungen für die Chancen einer Ausbildung wollen wir dazu beitragen, ihren schwierigen Alltag zu meistern.

Gerade diese Initiative beruht auf einem Nehmen und Geben. Denn die überwältigende Leistungsbereitschaft dieser jungen Menschen einerseits und der Mangel an Ausbildungswilligen und Arbeitskräften für Unternehmen im Bereich von Industrie und Handel andererseits führen zur Einsicht, aktiv zu werden. Junge Menschen, von der Verwandtschaft als genügend mutig, durchsetzungsfähig und belastbar eingeschätzt und häufig mit geliehenem Fluchtgeld ausgestattet, die sich oft auf einem monatelangen, meist unvorstellbar leidvollen Weg nach Deutschland durchgeschlagen haben, bringen genau das Potential an Zielstrebigkeit und Ehrgeiz mit, das sich Ausbilder bei uns wünschen.

Heute Abend dürfen wir ein weiteres Projekt von Ausländerbeirat, Stadt München und der „Lichterkette“ feiern, nämlich die Vergabe des Förderpreises „Lichtblicke“. 

Ausgezeichnet werden Einrichtungen, Projekte, Einzelpersonen und Schulen, also mutige Menschen in unserer Stadt, die sich in besonderer Weise für die Chancengleichheit von Migranten und Flüchtlingen engagieren. Sie, die unspektakulär und im Hintergrund tätig sind, erfahren damit eine gesellschaftliche Würdigung ihrer Arbeit, einmal in finanzieller Hinsicht, aber – was ebenso wichtig ist – die Anerkennung Ihres Einsatzes nicht nur in einer Feierstunde in diesem  wunderschönen Saal, sondern auch in den Medien, also in einer breiten Öffentlichkeit. Das gibt ihnen Auftrieb und Bestätigung und erleichtert häufig ihre oft problembeladene Arbeit des interkulturellen Engagements.

Die bereits erwähnte Bayernkaserne ist das Arbeitsfeld eines unserer Träger für den diesjährigen Förderpreis. Reza Karimitari, 1986 selbst aus dem Iran geflohen, holt junge fortbildungswillige und -fähige Flüchtlinge aus ihrem tristen betätigungslosen Alltag an seine Schule. Er und sein Team fördern sie jedoch nicht nur mit Deutschkenntnissen und geographischem oder mathematischem Wissen, sondern versuchen, die Persönlichkeit der jungen Syrer, Afghanen oder Somalier zu stabilisieren. Wie er selbst formuliert, kommen die „jungen Leute aus Ländern, in denen die Menschenwürde mit Füßen getreten wird“. Ihnen diese zurückzugeben, ihnen Schutz zu bieten und sie auf ihre Rechte aufmerksam zu machen, sieht er als ebenso vordringliche Aufgabe seines Engagements. 

Reza Karimitari ist Leiter der ISUS-Schule – eine Abkürzung für Integration durch Sofortbeschulung und Stabilisierung. Sie ist ein Kind der großartigen SCHLAU-Schule, Preisträgerin des Jahres 2003,  die der unermüdliche und bewundernswert durchsetzungsfähige Michael Stenger im Jahr 2000 mitbegründet und bis Sommer 2013 geleitet hat.

In der SCHLAU Schule bekommen junge Flüchtlinge den Unterricht bayerischer Mittelschulen bis zum entsprechenden Abschluss. Reza Karimitari nun betreut die zum Teil traumatisierten jungen Menschen und bereitet sie in seiner ISUS mit einem Team von Sozialpädagogen und Lehrern auf eine Ausbildung vor. Alle Schüler des ersten Jahres konnten erfolgreich weiter vermittelt werden, ein Großteil von ihnen schaffte den Übertritt in die SCHLAU Schule, um dort den Quali zu absolvieren.

Mit ehrlichem Stolz und großer Bewunderung für so viel Engagement darf ich nun Herrn Reza Karimitari zur Preisübergabe stellvertretend für sein gesamtes Team auf die Bühne bitten, danke Ihnen, meine Damen und Herren, fürs Zuhören und wünsche Ihnen noch einen schönen Abend.