Neues Projekt: #DigitaleCourage – Eine Einführung von Kai Jonas

Abgelegt 14:27 unter Aktuell

Das Wegschauen vieler Leute und ihre mangelnde Zivilcourage war 1992 einer der Hauptgründe für die Initiative zur Münchner Lichterkette. So ist es verständlich, dass über das 25-jährige Bestehen hinweg das Thema Zivilcourage immer ein Eckpfeiler in den Tätigkeiten des Vereins war. Im Zeitalter der Digitalisierung möchte sich die Lichterkette diesem Thema nun mit einem neuen Projekt widmen.

Ob durch die Lichterkette 1992 selbst, oder dem Engagement in unterschiedlichen Formaten wie “Zivilcourage statt Zivilblamage” (2010) oder dem Spot “München schaut hin” (2012) – Zivilcourage war und ist ein Thema, das unseren Verein immer begleitet. Dass es nach wie vor Relevanz hat, zeigen Phänomene wie die Hassbotschaften, Shitstorms, Filterblasen und Fake News – nur diesmal in einem neuem Medium. Wir denken, dass Courage vor diesem keinen Halt machen darf und möchten in dem neuen Projekt dazu Hilfestellung geben.

Lichterketten-Mitglied Kai Jonas, der u.a. an der Universität Maastricht dazu forscht, führt für uns in dieses Thema ein:

 

  • Was ist Digitale Courage?

Ich habe einmal in einer Kirche einen Vortrag mit dem Titel gehalten „Zivilcourage fällt nicht vom Himmel“ – und dieses Motto gilt immer noch, allerdings müsste man heute eher sagen: #DigitaleCourage ist nicht vorinstalliert.

Zivilcourage beschreibt ein Hilfeverhalten zu Gunsten bedrohter Dritter, auf der Basis von universellen Menschenrechten. In dem Hilfeverhalten ist ein Machtungleichgewicht zwischen Täter und Opfer beinhaltet, welches durch die eingreifende Person ausgeglichen werden kann. Bei Gewaltsituationen oder anderen Übergriffen ist es relativ deutlich, was zu tun ist. Wenn es aber um schon um verbale Diskriminierung geht, Hassparolen, dann fragen uns die Teilnehmer in Zivilcouragetrainings häufig, was dann die beste Form des Eingreifens ist. Die Lösungen – sie gibt es, wie zum Beispiel „paradoxe Interventionen“ – sind nicht immer so einfach auf Hassbotschaften im Netz zu übertragen.

Digitale Courage beschreibt also ein Hilfeverhalten zu Gunsten online bedrohter Dritter. Im Vergleich zur Zivilcoruage sind die Aktionsmöglichkeiten andere, die Bedrohungsmomente oft diffuser. Auch müssen die Gesetze und Normen deutlich sein, in deren Rahmen #DigitaleCourage stattfinden kann. Wenn Zivilcourage schon schwierig ist, dann ist #Digitale Courage ungleich schwieriger. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen. Zum einen ist das Phänomen neuer und komplexer. Zum anderen sind die Tatindikatoren undeutlicher. Es gibt Hassbotschaften und Postings, die als Hassreaktionen zu beschreiben sind. Es gibt einzelne „Täter“, aber auch Gruppen, und Gruppen, die als solche nicht zu erkennen sind. Es gibt menschliche „Täter“, aber auch Roboter, die wie Menschen agieren. Oft fällt es also gar nicht auf, dass man gegen eine Maschine kämpft und nur verlieren kann. Aber auch die Determinanten von #Digitaler Courage sind vielschichtiger. Es ist bespielsweise online nicht immer leicht zu erkennen, dass jemand von einem Posting so stark getroffen ist, dass er oder sie Unterstützung benötigt.

 

 

  • Was ist der Bezugsrahmen von #Digitaler Courage?

Wir operieren häufig unter falschen Normvorstellungen, denken, dass das Internet ein nahezu rechtsfreier Raum ist, oder Gesetze nicht angewandt werden können.

Das Medium ist trotz aller technischer Entwicklungen noch immer kontextarm. Daher gehen die Hintergründe von Botschaften oft verloren. Wir müssen den Unterschied zwischen Anonymität (beispielsweise der Täter) und Identifizierbarkeit (der Opfer oder Eingreifer) noch lernen. Wo stehen wir also mit der #Digitalen Courage? Ganz am Anfang.

Wir können die Lösung des Problems der Hassbotschaften, der Shitstorms nicht nur den Firmen, oder den Providern überlassen. Wir können das Problem auch nicht allein versuchen juristisch zu regeln. Diese Regelungen müssen vorhanden und – das ist zentral – auch angewandt werden. Dazu müssen die Strafverfolgungsbehörden auch in die Lage dazu gebracht werden und Firmen kooperieren. Und die Bürger müssen die Erfahrungen machen, dass Strafverfolgung möglich ist und gewünschte Ergebnisse bringt.

Aber viele Fälle von Hassbotschaften erfordern nicht den Gang zum Provider, zur Polizei oder zum Staatsanwalt. #Digitale Courage ist vielschichtiger, findet on- und offline statt und erfordert auch und gerade das Eingreifen von Individuen, von vielen Individuen, ohne dass wir sofort Institutionen bemühen.

 

  • #Digitale Courage – was können wir tun?

Stellen Sie sich einmal vor, Sie posten ein Urlaubsbild im Kreise der lokalen Bevölkerung und einige ihrer Freunde setzen lustige, uneindeutig fremdenfeindliche Postings darunter, die auch noch viele „likes“ bekommen. Was tun Sie dann?

Es erfordert zivilcouragierten Mut, einen Absender einer Hassbotschaft, der oder die identifizierbar ist, offline darauf anzusprechen, dass man mit diesem Posting nicht einverstanden ist. Gerade wenn es sich um „Freunde“ handelt. Auch das ist #DigitaleCourage.

#Digitale Courage kann daher auch Medienwechsel beinhalten. Dies bedeutet, dass meine Reaktion auf eine Hassbotschaft nicht im selben Medium stattfindet wie die Orginalbotschaft. Man muss also nicht auf alle Geschehnisse, die online passieren auch online reagieren.

Der Medienwechsel kann aber auch bedeuten, dass etwas, was offline gesagt oder getan wurde, doch aufgezeichnet wurde und online verbreitet wird. Manipulierte Bilder gibt es bereits heute. Wir müssen jetzt schon an die nächsten technischen Entwicklungen denken, beispielsweise gefälschte Audiodateien. Sie diskreditieren vermeintliche Absender und erfordern ganz eigene Formen der #DigitalenCourage. #Digitale Courage muss also innerhalb und außerhalb der online Medien stattfinden. Was bedeutet dies weiterhin?

Denken Sie bitte einmal an Kinder, gerade im Teenageralter. Für sie sind soziale Medien ein zentrales Element ihres Sozialverhaltens, und da geht so einiges schief:

Um damit adäquat umzugehen, müssen Kinder und Jugendliche #Digitale Courage lernen. Und dafür ist es notwendig, dass sie sich trauen, in Momenten, in denen Eingreifen online notwendig ist, sie auch offline vermelden.

Aber trauen Kinder und Jugendliche sich das, zuzugeben, dass sie Opfer eines Shitstorms sind? Vielfach eher nein, sie schämen sich, oder wollen die Dinger bewusst allein regeln. Nehmen wir einmal an, ja. Wüssten Sie als Eltern was ein Shitstorm unter Jugendlichen wirklich bedeutet? Was wäre ihr Ratschlag? Gehen wir mal davon aus, Sie wüssten das. Dann könnten Ihre Kinder Ratschläge und Unterstützung bekommen, wie sie auf die Situation reagieren können. Leider ist das noch zu selten der Fall, denn viele Eltern habe zu wenige Kenntnisse.

Allerdings muss dies nicht nur im Moment passieren, sondern diese Zielgruppe muss systematisch in Medientrainings hierauf vorbereitet werden. Diese Trainings gibt es noch nicht in der nötigen Form und für alle zugänglich. Wir müssen beginnen, effektive #Digitale Courage Trainings zu entwickeln, und sie in Lehrpläne einbauen bzw. als Handreichung für Erziehungsberechtigte zur Verfügung stellen. Dann können wir mehr #Digitale Courage erwarten, anders wohl nicht.

Die online Welt kann sehr einsam sein. Wer schon einmal einem Shitstorm ausgesetzt war, und sich fragte, wo denn die Unterstützer bleiben – denn diese gehen gerne in der schweigenden Masse unter und zeigen gerade keine #DigitaleCourage – diese Menschen haben darüber nicht offline gesprochen, was mit Ihnen online passiert. Hier müssen wir Tabus durchbrechen, bei Kindern und Jugendlichen, und bei Erwachsenen.

 

  • Wie kann #DigitaleCourage aussehen?

#DigitaleCourage muss zunächst plattformunabhängig sein. Es geht um abstrakte Verhaltensprinzipien. Wenn wir heute über Facebook und Instagram reden, dann haben wir Snapchat bereits übersehen. Diese Liste lässt sich übrigens endlos fortsetzen.

Die Menschen wollen ganz konkret wissen, was sie tun können oder müssen. Der noch weiter zu gestaltende Weg zur Polizei oder zum Provider ist vielleicht einer. Der Rückzug aus den Medien vielleicht ein anderer, aber nicht gerade #DigitaleCourage. Freunde löschen, Kontaktabbruch kann funktionieren, löst aber das Problem nicht, und schränkt letztendlich nur unser mediales Wahrnehmungsfeld ein. Counterspeech, Postings melden? Kann man tun, aber dann bitte wohlüberlegt und nicht allein. Die Psychologie der #DigitalenCourage ist komplex. Wie auch im Falle der Zivilcourage, ist die bessere #DigitaleCourage eine wohlüberlegte, sie holt sich Verbündete, agiert konzertiert und erfordert Erfahrung. Und sie weiss auch, wenn es besser ist, den Stecker zu ziehen.

Die Psychologie hat in der Zivilcourageforschung eine Reihe von Trainings und Interventionsprinzipien entwickelt, die auch für die #DigitaleCourage relevant sind. Das ist ein Ausgangspunkt. Aber wir haben mehr nötig.

Die #DigitaleCourage wird nie vorinstalliert sein, und auch die App dafür wird es nie geben. Aber wir können die Bürger aufklären, informieren und #DigitaleCourage trainieren.

 

  • Ein kleines ABC der #Digitalen Courage

 

  • Um welche Situation handelt es sich? Ist man selbst Betroffene/r (d.h. Opfer eines digitalen Angriffs, Bedrohung, Shitstorms), oder verteidigt man eigene Werte (d.h. man will auf ein Hassposting reagieren)? Das bestimmt die eigene Reaktion: Oftmals ist ein (korrigierendes) posting genug (um eskalierende posting wars zu vermeiden).
  • Wer ist der Angreifer? Handelt es sich um eine Einzelperson, ist die Person identifizierbar, oder geht es um eine Gruppe von Menschen? Kann man Mitglieder der Gruppe identifizieren? Stehen noch potentielle andere Angreifer (follower des Angreifers) bereit? Oder handelt es sich um einen Robot? So können sie die Stärke der Anderen und das Ausmaß besser einschätzen.
  • An welcher zeitlichen Stelle steht die Situation? Wieviele Personen haben auf das Posting reagiert, haben es gesehen? Situationen haben online eine kurze Halbwertszeit.
  • Eigene Interventionen mit anderen abstimmen, Unterstützung regeln. Dies kann online sein (eigene Follower, oder andere online Nutzer), oder auch offline (Presse, andere Medien, aber auch soziale Unterstützung).
  • Wenn es um einen selbst geht: Über den Angriff und was es mit einem macht, sprechen und nicht verschweigen. Betrifft es den beruflichen Kontext, dann auch den Arbeitgeber informieren.
  • Wenn es um eigene Kinder geht: Kontakt zu Schule oder Vereinen suchen, Reaktion abstimmen, Täter (oder deren Eltern) offline ansprechen, bei Vergehen oder Verbrechen ggf. Polizei informieren.
  • Bei Bedrohungen von Leib und Leben: Die Polizei informieren, mit Beweismitteln (siehe nächster Punkt).
  • Von allen Postings etc. Fotos (sog. Screenshots) für eine mögliche spätere Verfolgung machen, denn Einträge können gelöscht werden.
  • Ein Shitstorm geht nach 4-5 Tagen vorbei. Denn dann wird eine andere Sau durchs digitale Dorf getrieben.
  • Oft hilft einfach: zeitweise den Stecker ziehen, eine digitale Auszeit nehmen. Wenn gar nichts mehr hilft (und es z.B. aus beruflichen Gründen möglich ist): Profile oder Einträge löschen oder stummschalten.

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    Im Herbst 1992 brannten in Deutschland die Häuser von Menschen, die hier Zuflucht suchten. Daraufhin mobilisierten vier Münchner Bürger Hunderte von Helfern und organisierten am 6. Dezember 1992 die erste Lichterkette in Deutschland. Mehr als 400 000 Menschen setzten mit Kerzen in der Hand ein in aller Welt beachtetes Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsradikalismus. Dem Zeichen, das die Lichterkette gesetzt hatte, mussten Taten folgen. [Mehr...]
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